Künstlerische Koordination

Asoc. Prof. Muhammet Alagöz (Mehmet Alagöz) Fachbereichsleiter.

Abant İzzet Baysal Universitaet Fakültaet der Schönen Künste Bolu/Türkei

Prof. Dr. Bünyamin Özgültekin Dekan.

Kemerburgaz Universitaet Fakültaet der Schönen Künste und Design Istanbul/Türkei

Michael Maske / Künstler / Braunschweig / Deutschland

 

Exkursion zum Interkulturellen Kunstprojekt
VERSTEHEN DURCH BEGEGNUNG

Königslutter am Elm, wo der ersten Teil des Interkulturelles Kunstprojekt vom 15 bis 21 Juli 2013 realisiert wurde, ist für mich durch viele Bindungen gekenzeichnet. Ich habe in Königslutter über 38 Jahre gelebt. In dieser Projektwoche habe ich meine dort lebenden Kinder, mein ehemalige Schüler und viele andere Freunde, die in Königslutter und Umgebung leben, wieder getroffen. Hier hatte ich als türkischer Künstler mit vielen Kunstprojekten und Bilderausstellungen eine langjährige Mitwirkung. Zu dem hatte ich in Königslutter und Umgebung in den Allgemeinbildenden Schulen (Grund, Haupt, Realschulen) für türkische Schüler über 20 Jahre den Muttersprachlichen Unterricht (Türkisch) übernommen. In Königslutter zu sein hat für mich deshalb immer eine ganz besondere Bedeutung, die hier nicht unerwähnt sein sollte.

Da meine Reise nicht wie sonst als “normaler” Besuch sondern mit einem Interkulturelles Kunstprojekt Deutschland/Türkei verbunden war, waren die Gedanken, Empfindungen und Gefühle ganz Intensiv. Während dieser Tage schwirrte Vieles unaufhörlich durch meinen Kopf. Erinnerungen und neue Eindrücke vermischten sich. Einige davon will ich hier preisgeben. Der Satz, den ich irgendwann gehört oder gelesen hatte, von einer berühmten Deutschen, kam mir i direkten Bezug zu unserer Initiative in den Sinn: “Was geht mich der ferne Orient an.” Gleich ertappte ich mich mit einer Gegenfrage. Ist dieses “ferner Orient” in Wirklichkeit nicht ganz in der Nahe? Ähnliche Lebensläufe und Migrationshintergründe wie ich habe, leben nicht millionen Menschen schon heute in Deutschland und in der Türkei? Die Landsleute, ehemalige Gastarbeiter und deren Kinder, die mitlerweile über 50 Jahre in Deutschland leben, ob sie Jetzt von ihrer Herkunft abgekoppelt, so einfach Inländer (Deutsche) geworden sind? Können diese Millionen ihre Stimme und Gefühle offen äussern, oder im stillen für sich erzählen? Fragen über Fragen. Während mich diese Gedanken quälten, kam ich immer wieder zu unserem Projekt zürück. Kann unser Projekt ausser für die Beteiligten gesellschaftlich etwas bewirken? Ich bin sicher, das solche Projekte als soziale Ereignisse durch Kunst viele Menschen in der Gesellschaft zusammen bringt und Neugier und Interesse weckt. Ausserdem weiss ich auch, dass die Kunst einfach das beste Mittel ist, gegen die Stille, Gleichgültigkeit, Wut und Resignation anzugehen.

Dem Gedanken vermischten sich auch die Selbstkritischen. Mehmet was hast du über 35 Jahre in Königslutter gemacht? Was für eine Kunst war es, die du in Deutschland gemacht hast? Und, wozu eEigentlich? Wen konntest du damit erreichen? Ich kann hier die Fragen zunächstt nur unbeantwortet lassen. Wer bin ich? Es war die generelle Frage, die mich die ganzen Jahre in Deutschland beschäftigte und zugleich meine Kunst formte. Es sind eben Bilder von mir und von meinen Landsleuten in Deutschland. Anders gesagtversuchte ich, den Migrationsprossen mit Hilfe meiner Bilder auf die Spur zukommen.
Ein Beobachtungsprosss, der eben 30 Jahre gedauert hat. Bei meiner Arbeit bin ich zwar nicht immer verstanden worden, aber ein gewisses Verständnis und Hilfe habe ich in Königslutter immer gefunden. Sicherlich ändern sich die Zeiten und damit auch die Menschen. Es gibt dabei den Ortswechsel. Jetzt bin ich in Bolu, wo ich geboren wurde und wo ich als Prof. an der Universitaet arbeite. Bin ich somit raus aus den Migrationsprosses? Ich glaube nicht. Meine Kinder sind in Deutschland geblieben und bleiben ein Teil meines Herzens. Eine alte türkische Sprichwort sagt: “Göç geri dönmez” in etwa: Die Migration ist nicht Rückgängig zu machen, bedeutet. Die Frage wer bin ich? Zwar bleibt, existiert jedoch in abgeschwächter Form in mir und kann nicht alles bestimmen. Deshalb sind die Themen meiner Bilder in Bolu anders. Sie sind, wie in der Projektwoche entstandene Arbeiten selbst, direkt an den Ort und auf die Türkei bezogen. Hier besinne ich mich eines alten Spruches.“Kunst kommt nicht vom Können, sondern durch Kennen.” Diesen Slogan hatten wir als Studenten der HBK Braunschweig Ende 70er Jahre oft bei Richtungskämfen genutzt. Heute würde ich ergänzend sagen, dass Können ist gut, aber Kennen genau so gut ist. Als Rainer Gosslar und ich vor einem Jahr darüber sprachen, diese Initiatve ins Leben zu rufen, ahnte ich nicht, dass dieses bescheidene Projekt so gut laufen und mich innerlich so sehr berühren würde.

Zürück zur Reise. Am 15.06.2013 bin ich mit einer Gruppe-Künstler und Studenten aus der Türkei in Königslutter angekommen. Gleich am ersten Abend wurden unsere Projektteilnehmer von den Organisatoren und der Türkischen Gemeinde in Königslutter in der Mosche härzlich empfangen. Einige meiner ehemaligen Schüler, die ich in der Deutschen Schule in Türkisch unterrichtete, waren im Empfangskomitee. Sie freuten sich sehr über unsere Begegnung und fingen an mit meinen Kunststudenten aus der Türkei in Türkisch rege Gespräche zu führen. Sie fragten sich gegenseitig und hatten sich scheinbar viel zu erzaehlen. Die Verständigung ging reibungslos. Auch die ältere Landsleute waren sehr erfreut und zeigten sich Neugierig. Auch sie hatten viele Fragen über die Türkei und über das Kunststudium. Ich habe gesehen, dass viele zum ersten mal in ihrem Leben an der (Mal)Kunst Interesse zeigten. So kamen sie die folgenden Arbeitstagen immer wieder in die Projekthalle und waren sehr Hilfsbereit.

Am Sonntag den 16. Juni sind wir planmässig mit der Gruppe zu Besuch in das Sprengel Museum nach Hannover gefahren. Hier haben wir neben en Originalwerken von Paul Klee, Emil Nolde, Max Beckman, auch die Werke der “Dresdner Brücke” und den “Blauen Reiter” gesehen. Weitere Schwerpunkte waren klassiche Moderne, der deutsche Expresionismus, wie die Künstler Ernst Ludwig Kirchner, August Macke, Franz Marc, Oskar Kokokschka, den Sürrealist Max Ernst, den Dadaist Hans Arp und den Kubisten Pablo Picasso, Fernand Leger, Henri Lauren und die Vertreter der Neue Sachlichkeit Otto Dix, Christian Schad wurden sehr aufmerksam verfolgt. Auch die Kurt Schwitters-Merz Sammlung und die Informelle Maler wie Emil Schumacher, Ernst Wilhelm Nay waren nicht zu übersehen. Die Vertreter der nach 1960er Jahren wie Sol LeWitt, Bruce Neuman und aus unserer Zeit Gerhard Richter, Georg Baselitz waren die weitere Höhepunkte bei unserem Besuch. Zum Schlus wurde die Bücherei des Museums besucht und jeder hat für sich etwas gekauft. Ich glaube, dass Ganze war ein sehr lehrreicher Tag für Alle.

Eine der Hauptprobleme in der künstlerischen Erziehung in Bolu, Beziehungsweise in der Türkei liegt im Museumsbereich. In Bolu, wie in vielen Anatolischen Stätten der Türkei existieren keine Kunstmuseen. Auch im naheliegenden Ankara und Istanbul gibt geschichtlich bedingt, nur ein Paar, in denen sich die grossen Beispiele der Weltkunst befinden. Die wenigen Ausstellungen, die in Istanbul ab und zu von weltbedeutenden Künstlern zu sehen sind, haben zumeist nicht die Hauptwerke dabei. Unter diesem Gesichtspunkten war der Museumsbesuch für unsere Studenten unverzichtbar. Zur Zeit läuft ein wichtiger Teil der Kunsterziehung von über nicht original gesehenen Werken ab. So sind wir gezwungen, dieses hauptsächlich über Reproduktionen, Kunstbücher oder über Internet verfolgen zu müssen. Dieses kann den Lernaffekt, die vom Originalwerken ausgehen, niemals ersetzen.

Nach der Projektplanung sollten wir mit Deutschen Künstlern aus Braunschweig und mit Teilnahmern der Lavie Reha-Einrichtung an einem grossen Hof bei Lavie eine Woche zusammenarbeiten. Meine 7 Kunststudenten, die ich von Abant Izzet Baysal Universität Fakultät der Schönen Künste mitnahm waren sehr aufgeregt. Sie alle haben sind das erste mal in ihrem Leben geflogen. Das erste mal waren sie in einem fremden Land und alle sollten das erste mal mit anderen Künstlern zusammenarbeiten. Sie konnten kein Deutsch. Sie konnten nur etwas Englisch. Ob die Verständigung mit den Deutschen Künstlern klappen würde? Ob sie wegen der Sprachbarrieren sich zürückziehen und unter sich bleiben würden? Ich war sehr bedenklich. Meine Befüchtungen waren umsonst. Meine Studenten und auch die der Kemerburgaz Universitet/Istanbul haben sich gleich den ersten Tag an die Arbeit gemacht. Das war der Schlüssel. Die zunächst vorsichtige Stimmung wurde ganz locker. Bei der guten Arbeitsatmosphäre hat die Verständigung vor einem Bildentwurf durch kleine Fragereien und mit Hilfe der Zeichensprache gleich angefangen. Im Notfall war ein Übersetzer gleich an Ort und Stelle. Auch die Deutsche Kollegen waren sehr Zugänglich und Gesprächsbereit. Das war unsere Glück. Die folgenden Tagen waren deshalb sehr harmonisch und ertragsreich. Es entstanden viele gute Bilder und Objekte und auch Freundschaften. Ich glaube, dass am Ende sogar langandauernde Kontakte und Freundschaften entstanden, die über Internet und Facebook weiterlaufen.

Zu der Ausstellungseröffnung kamen mehr als 300 Kunstinteressierte und Freunde. Neben Deutschen waren wiele Landsleute aus Königslutter, Braunschweig, Hannover und aus der Umgebung. Unter ihnen waren mehrere türkische Geschäftsleute, die auch Bilder von Studenten kauften. Die Preise waren zwar bescheiden, aber die Wirkung war Gross. Da die Studenten ihre Reisekosten selbst bezahlen mussten hatte ich ihnen vor der Abreise empfohlen, einige kleinformatige Bilder mitzunehmen So hatte jeder ein oder zwei Bilder mit gehabt und sie bei der Ausstellung in einem Extraraum mit ausgestellt. Fast alle konnten ein oder zwei Bilder verkaufen und freuten sich riesig darüber. Bei der Rückreise waren ihr Gepäck voll mit Kunstmaterialien und Kunstbücher. Das hat mir als ihren Lehrer Freude breitet. Beim Rückflug hatte ich für Alle eine Aufgabe für den Sommer. Sie sollten ihre Eindrücke über die Woche schreiben und am Anfang des akademischen Jahres im September vorzulegen. Es wird eine Gesprächsrunde geben, in der die getane Arbeit umfangreich analysiert wird.

Der zweite Teil des Projektes wird am 05/12 Oktober 2013 in Bolu-Seben/Türkei realisiert, Seben ist 70 km südlich von Bolu zwischen der grossen Bergen versteckt ein schwer zugaenglicher Ort. Die uhrige Landschaft, tiefe Täler und Schluchten, die Höhlensiedlungen-Steihauser aus der Antikezeit und der versteinerte Wald beindruckten mich so sehr und immer wieder. Auch die wenigen Menschen, die in dieser schweren Natur zu existieren versuchen, lässt einen nicht unberührt. Dieser unbekannte, versteckt gebliebene Ort, wird sicherlich alle Teilnehmende imponieren und inspirieren. İch freue mich auf das dortige wiedersehen.

Asoc. Prof. Muhammet Alagöz (MEHMET ALAGÖZ)

Abant İzzet Baysal Üniversitaet
Fakultaet der Schönen Künste
Fachbereichsleiter-Malerei
BOLU/TÜRKEİ

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